Stinkefinger


Angefangen hat es angeblich in der Antike, deshalb wundert es einen nicht, dass der als Finanzminister bemühte Grieche Yanis Varoufakis 2015 wegen seines erhobenen Mittelfingers von den Medien umjubelt wurde. Ob er dabei die antike Bedeutung der Geste im Sinne hatte (der aufgereckte Finger symbolisiert Fruchtbarkeit und Potenz), blieb umstritten. Bei uns nannte man diesen Fingerzeig eine Weile ja „den Effe“, was auf den Namen eines Nationalfußballers zurückgeht, der 1996 sein Publikum mit dem Fruchtbarkeitsgruß überraschte. Peer Steinbrück wiederum gelang es mittels Fingerstreckens im Wahlkampf 2013 weder, die Fruchtbarkeit, noch die sozial-demokratische Grundstimmung der Bundesbevölkerung zu befördern. 

Der antike Mittelfinger konnte die Merkelsche Handraute nicht vergrämen. Überhaupt ist die Geschichte des Stinkefingers eine Geschichte voller Missverständnisse. Da war zum Beispiel diese junge Frau aus Sachsen, die 2009 mit ihrem Kleinwagen einen vor ihr auf der Autobahn schleichenden VW Bus kurz entschlossen rechts überholt hatte. Der blendete dann gleich mit den Scheinwerfern auf und fuhr aufdringlich neben sie, was sie zum entnervten Entblößen des Mittelfingers für ca. zwei bis drei Sekunden provozierte. Länger sicher nicht, stellte das Landgericht Dresden fest – denn dann erkannte das Mädchen, dass der aufdringliche Bus grüne Streifen und ein Blaulicht hatte. Die entscheidende Frage für die Richter war: Wollte die junge Frau die Polizisten mit einem deftigen „Fickt Euch!“ beleidigen oder war der Mittelfinger anders zu verstehen? Die Juristen befanden, dass die Geste in breiten Kreisen der Bevölkerung diese Bedeutung nahezu verloren habe. Sie solle vielmehr dem demonstrativen Ausdruck von Schadensfreude oder der groben Zurückweisung von als aufdringlich empfundenem Auftreten dienen. Nur in Ausnahmefällen verletze sie dabei grob die Persönlichkeits-rechte. Die Klage des beleidigten Polizisten auf 650 Euro Schmerzensgeld wurde auch deshalb abgewiesen, weil er gar nicht als Beamter erkannt worden war (Az: 2 S 196/11).

Aber der böse Finger kann auch zu großem Ärger führen: Wer ihn am Arbeitsplatz seinem Chef zeigt, riskiert die Kündigung, entschied das Arbeitsgericht Frankfurt, denn der Stinkefinger sei eine "beleidigende, vulgäre Geste“ (Az. 6 Ca 11145/02). Das Landesarbeitsgericht Köln stellte allerdings klar, dass vorab zu klären sei, wie genau mit dem Finger gezielt wurde. Ist unklar, wem konkret er galt, so ist das eine "allgemeine Unmutsäußerung", die keine Kündigung des Arbeitgebers rechtfertigt (Az. Sa 155/97). 

Das sah das Bayerische Oberste Landesgericht anders: wer den Mittelfinger in das Sichtfeld einer öffentlichen Videoüberwachungskamera hält, kann den Straftatbestand einer Beleidigung begehen, obwohl eine Kamera keine Ehre hat. Wohl aber der dahinter sitzende Beamte, dem man auch als Kamera Respekt erweisen soll (Az. 5 StRR 30/00). 

Na dann halten Sie mir bloß den Finger nicht unvorsichtig in den Himmel, bei all den Spionagedrohnen da draußen!  

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