Speakers Corner




Sollten sie einmal das außerordentliche Vergnügen genossen haben, die Stadt London zu besuchen, so könnte ihnen dort vielleicht neben zahlreichen fabelhaften Kuriositäten auch diese aufgefallen sein: die „Speakers Corner“. Es handelt sich dabei um einen Versammlungsplatz am nordöstlichen Ende des Hyde Parks in unmittelbarer Nähe zum Marble Arch. Seit einem Parlamentsbeschluss vom 27. Juni 1872 (Royal Parks and Gardens Regulation Act) darf an diesem Ort Jedermann jederzeit ohne Anmeldung einen öffentlichen Vortrag zu einem beliebigen Thema halten. Hinweisschilder betonen aber, dass weder die Queen, noch die königliche Familie Inhalt einer Rede sein dürfen. Über ihre eigene Familie oder über ihre Freunde oder auch über ihren Arbeitgeber (sofern es nicht die Royals sind) dürften sie sich dort hingegen nach Herzenslust ausbreiten. Oder aber sie sparen sich den weiten Weg ins regnerische Königreich und verbreiten ihre Weltanschauung über sogenannte „soziale Netzwerke“ im Internet. Das geht unheimlich einfach und schnell und man erreicht damit eine erstaunliche Vielzahl an Menschen. Was natürlich, wenn sie eine besonders exotische Auffassung vertreten, zu einer erstaunlichen Vielzahl von Problemen führen kann. 

Nehmen wir zum Beispiel an, sie sind ein populärer Rapper – also ein Musikkünstler, der in Reimform gesellschaftliche Radikalthesen formuliert und beabsichtigen, über ein soziales Netzwerk ihre Freunde darüber zu informieren, dass die Teilnehmerin eines TV-Container Programms (unter anderem) eine „Nutte“ sei mit einem „ekligen Cellulitiskörper“. Zufällig genau über eine solche öffentliche Entgleisung hatte das das Landgericht Berlin zu entscheiden. Die besagte Dame mit der angeblich unebenen Hautoberfläche wollte dafür 100.000 Euro Schmerzensgeld erwirken. Das Gericht hielt 8000 Euro für ausreichend (Az.: 33 O 434/11). 

Das Arbeitsgericht Frankfurt am Main wurde ebenfalls zu einer gewagten  Internet-öffentlichen Äußerungen einer Frau befragt, die ihren Arbeitgeber via Sozialnetzwerk als „Sklavenbetrieb“ und „Zuhälterfirma“ kategorisiert hatte. Das Gericht fand, dies sei nicht mehr der freien Meinungsäußerung zuzurechnen. Vielmehr handle es sich um üble Nachrede und Schmähkritik, die eine fristlose Kündigung rechtfertige (Az. 22 Ca 2474/06). 

Einer anderen Dame, die via Sozialnetzwerk einem ihr vermutlich nicht gänzlich freundschaftlich verbundenen Herrn öffentlich die Nachricht zukommen hat lassen, sie werde ihm „tagelang auflauern“ und ihm sodann einen „Stein an den Kopf werfen“, in der Hoffnung, ihn „dadurch für den Rest seines Lebens zu beschädigen“ verpasste das OLG Hamm ein umfassendes Kontaktverbot zu dem Mann nach dem Gewaltschutzgesetz (Az. 2 UF 254/12). 

Dislike! Es dürfte deutlich harmloser verlaufen, wenn sie ihrem Ärger in der Speakers Corner Luft machen – solange sie die königliche Familie dabei aus dem Spiel lassen.