Leihe


„Wiedersehn macht Freude“, sagt mein Vater immer zu mir, wenn ich mir Geräte aus seiner Werkstatt ausleihe. Sie wissen schon – Winkelschleifer, Bohrmaschine, Stichsäge. Mal unter uns: die Geräte meines Vaters sind einfach um Welten besser als meine eigenen, da bricht nichts ab, da bleibt nichts stecken und da riecht nichts nach verbranntem Plastik, wenn man mal ein bisschen mehr Gas gibt. Ich vermute, ich bin nicht der einzige, der bei sich zuhause eine stattliche Sammlung geliehener Gegenstände hortet? Man würde die DVD ja liebend gern zurückgeben – wenn man wüsste, von wem man sie geliehen hat! 

Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht die Leihe im § 598: Der Verleiher hat dem Entleiher den Gebrauch der Sache unentgeltlich zu gestatten. In den folgenden Paragrafen ist geregelt, dass der Verleiher bei Vorsatz und grober Fahrlässigkeit dafür haftet, wenn die Sache nichts taugt. Aber der Teufel steckt wie immer im Detail! 

Nehmen wir zum Beispiel einmal an, Sie leihen sich ein Rennpferd, nehmen damit an einem Pferderennen teil und siehe da – der Gaul gewinnt! Zur Freude über den Sieg kommt noch ein stattliches Preisgeld dazu. Und jetzt? Pferd mit Dank zurück, Preisgeld in den Sparstrumpf? Da haben Sie aber die Rechnung ohne den Bundesgerichtshof gemacht! Der hatte nämlich über einen solchen Fall zu entscheiden und er stellte fest: Wenn es keine Vereinbarung darüber gibt, wer das Preisgeld bekommt, steht es dem Verleiher zu. Über die Nutzung des Pferdes hinausgehende „Gebrauchsvorteile“, also auch  die „Ziehung und das Behaltendürfen von Früchten“ (denken Sie beim Lesen auch gerade an Pferdeäpfel?) sind von der Leihe nicht umfasst (Az. III ZR 306/11). 

Besonders heikel ist es immer, wenn die geliehene Sache kaputt geht. Zum Beispiel, wenn Sie den kostenlosen Wagen schrotten, den die Autowerkstatt Ihnen geliehen hat. Wie, Sie meinen der sei vollkasko versichert? Das dachte eine Kundin aus Oldenburg auch, als der Werkstatt-Smart bei eisglatter Fahrbahn im Graben landete. War aber nicht so. Und weil ein Entleiher bereits bei einfacher Fahrlässigkeit für eine Beschädigung der Sache haftet, musste die Kundin 5300 Euro für den kaputten Smart bezahlen (OLG Oldenburg, Az. 8 U 6/06). 

Gerade wenn es um die Haftungsfrage geht ist übrigens die Abgrenzung zwischen Leihe und „bloßer Gefälligkeit“ hochbrisant. Das stellte ein junger Mann fest, der sich kostenlos in der Fabrikhalle eines Bekannten eingenistet hatte um an seinem alten Auto herumzuschrauben. Leider brannte die Halle wegen eines Benzinlecks ab. Der Anwalt des Hobbymechanikers plädierte darauf, die Halle sei ja bloß „gefälligkeitshalber“ überlassen worden – also keine Haftung! Das OLG Koblenz sah es anders: Das Charakteristische an einer Leihe sei, dass man die Sache nicht jederzeit einfach wieder wegnehmen darf. Gerade bei einem teilzerlegten Auto dürfe man das von der Halle erwarten. Also Leihe, keine Gefälligkeit – und hoffentlich eine gute Haftpflichtversicherung (OLG Koblenz Az. 10 U 1705/06). 

Mein Vater ist da zum Glück deutlich entspannter – er weiß ja auch noch nicht, dass sein Bohrhammer kaputt ist. 

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