Keller und Katakomben 



Kürzlich habe ich als Rechtsanwalt an einer unfreiwilligen Räumung eines Ladenlokals teilgenommen. Es bestand aus einem Verkaufsraum und einem Keller. Der Verkaufsraum war vorbildlich ausgeräumt und hatte, frisch gewischt, sogar eine angenehm zitronige Note. Der Vermieter und ich waren ganz überrascht, denn das hatten wir von dem eher unseriös anmutenden Mieter gar nicht so erwartet. Verblüfft waren wir vor allem, weil wir uns wunderten, wie er all das Gerümpel, das er vorher in dem Laden gehortet hatte, so schnell abtransportieren hatte können. Die Antwort – ganz ohne zitronige Note – erwartete uns im Keller. Unter Missachtung der allgemein anerkannten Grundsätze der Physik, war es diesem Menschen gelungen, weit mehr Materie in den winzigen Kellerraum hineinzupressen, als dort kubikmetermäßig vom Raum-Zeit-Kontinuum vorgesehen war. 

Der in Astrophysik bewanderte Leser mag an dieser Stelle zu Recht mutmaßen, dass hier erste Anzeichen einer Singularität erwartet werden durften (ein so genanntes „schwarzes Loch“). Mein Mandant hingegen wollte das schwarze Loch, wutschäumend, lieber seinem (Ex)mieter in den Kopf schlagen. Ich konnte ihn letztlich beruhigen und die Geschichte endete im Guten. 

Anders übrigens als bei einem Vermieter aus Hannover, der seiner Mieterin 560 Euro Schadenersatz bezahlen musste, weil er fand, dass deren Keller dringend aufgeräumt werden sollte. Erst hatte er einen Zettel an die (unverschlossene) Türe des Kellers gehängt und sein Missfallen über die Unordnung zum Ausdruck gebracht. Dann spielte er selbst die Putzfee und entsorgte unter anderem eine Küche, eine Reisetasche und eine Tiertransportbox im Gesamtwert von 260 Euro auf dem Bauhof. 

Die Tiertransportbox allerdings hatte es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Darin verbrachte nämlich „Max“ seinen Winterschlaf – eine ausgewachsene Vierzehen-schildkröte (testudo horsfieldii). Im Januar hatte die Mieterin noch nach Max gesehen und er hatte sanft geträumt. Als ihr Lebensgefährte vier Wochen später erneut nach ihm sah, war er unsanft geräumt. Das Amtsgericht Hannover stellte fest, dass der Vermieter nicht davon ausgehen durfte, dass der Besitz am Keller aufgegeben worden sei. Eine Zeugenbefragung ergab, dass die Gegenstände nicht ohne weiteres als wertlos erkennbar waren. Auch durch den an der Kellertür angebrachten Zettel ergab sich keine Pflicht der Mieterin zur Reaktion. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Mieter ihre Kellerräume nur in größeren Abständen aufsuchten. Eine Räumung des Vermieters zur Selbsthilfe sei nur zulässig, wenn ohne sofortiges Eingreifen eine Gefahr bestehe. Diese konnte das Gericht nicht feststellen (AG Hannover, Urteil vom 06.11.2013 - 502 C 7971/13). 

Über das weitere Schicksal von Max ist nichts bekannt. Die Bevölkerung von Hannover ist jedoch in Sicherheit – immerhin ist Max ja keine Schnappschildkröte. 

Anrufen
Email